Januar 18

Scham und Beratung

Warum es so schwer ist, sich Hilfe zu holen und was Scham damit zu tun hat


Viele Menschen tragen den Gedanken, sich Unterstützung zu holen, lange mit sich herum. Wochen, Monate, manchmal Jahre. Der Wunsch ist da und gleichzeitig etwas, das sie zurückhält. Dieses Zurückhalten hat oft einen Namen: Scham.

Nicht immer wird sie als Scham erkannt. Häufig zeigt sie sich in Sätzen wie:

„Andere haben es doch viel schwerer.“
„Ich müsste das eigentlich alleine schaffen.“
„So schlimm ist es ja noch nicht.“
„Was sollen denn andere von mir denken?“

 Scham ist leise und wirkungsvoll. Und sie ist einer der wichtigsten Gründe, warum Menschen sich oft erst sehr spät Hilfe holen.

Scham ist kein persönliches Versagen

Aus psychologischer Sicht ist Scham kein Zeichen von Schwäche, sondern ein tief verankertes soziales Schutzgefühl. Sie entsteht dort, wo Zugehörigkeit, Anerkennung und Bindung in Gefahr zu geraten scheinen.

Die Schamforscher:innen June Tangney und Ronda Dearing unterscheiden klar zwischen Schuld („Ich habe etwas falsch gemacht.“) und Scham („Mit mir stimmt etwas nicht.“).


Während Schuld oft unser Verhalten betrifft, richtet sich Scham gegen die gesamte Person. Genau das macht sie so lähmend.
Auch die Arbeit von Brené Brown zeigt: Scham führt nicht zu Wachstum, sondern zu Rückzug, Vermeidung, Schweigen und Isolation.

Was Scham im Körper bewirkt

Scham aktiviert das Stresssystem, verstärkt Rückzugstendenzen, hemmt Handlungsfähigkeit und verschlechtert den Zugang zu klarer Selbstwahrnehmung.
In Zuständen von Scham geht es innerlich nicht mehr um Lösungen, sondern um Selbstschutz.

Warum wir uns oft viel stärker bewertet fühlen, als wir wirklich werden:
Der Spotlight-Effekt beschreibt, dass Menschen überschätzen, wie sehr sie von anderen wahrgenommen werden.
Aus systemischer Sicht leben Menschen nicht in Fakten, sondern in Bedeutungen.
Scham entsteht durch die innere Deutung und diese ist veränderbar.

Warum neue Erfahrungen mehr verändern als gute Ratschläge:
Veränderung geschieht vor allem durch neue Beziehungserfahrungen.

Was das für den Schritt in eine Beratung bedeutet:
Beratung bedeutet nicht, dass etwas kaputt ist.

Beratung bedeutet:
„Ich nehme mein inneres Erleben ernst genug, um es in Zukunft gestärkt alleine tragen zu können.“

Ein Gedanke zum Schluss:

Vielleicht braucht es keinen Mut im heldenhaften Sinn.
Vielleicht reicht ein erstes mutiges Gespräch.

Quellen: Tangney & Dearing (2002): Shame and Guilt, Brené Brown (2012): Daring Greatly, Gilovich et al. (2000): The Spotlight Effect, Daniel Siegel (2010): The Developing Mind


Das könnte Sie auch interessieren

Scham und Beratung